Jahresmotto 2021

Selbstbestimmung und Fürsorge

 

Liebe Freundinnen und Freunde von Herzogsägmühle,

mit der Idee des Staates, Menschen zu "Risikogruppen" zu erklären – ohne diese zu fragen, ob sie das auch wollen! – und sie dann fortlaufend vor einer Infektion schützen zu wollen, bekam die immerwährende Frage der "richtigen" Sozialarbeit einen neuen Akzent. Die Frage lautet: Dürfen wir Menschen unsere Fürsorge überstülpen oder nur anbieten? Es gibt darauf weder in Corona-Zeiten noch in anderen Jahrzehnten eine einfache Antwort. Klar ist: Solange Kinder Kinder sind, dürfen Eltern über sie in weiten Bereichen des Lebens bestimmen. Fürsorglich werden die Babys behütet, und mit dem Heranwachsen übernehmen Kinder immer mehr selbstbestimmt ihr Leben in die Hand – gelegentlich sehr zur Sorge Anlass gebend, wenn sie zum Beispiel Drogen ausprobieren oder Nächte durchfeiern.

Aber wie ist das bei Menschen mit geistigen Einschränkungen? Dürfen Sozialarbeiter erwachsene Menschen mit Behinderung daran hindern, übergewichtig zu werden? Dürfen Sozialarbeiterinnen bei ehemals Wohnungslosen den Kühlschrank kontrollieren, damit dort keine schimmligen Lebensmittel gehortet werden? Dürfen Einrichtungen bestimmen, welche Form der Sexualität Menschen mit schwerer und mehrfacher Behinderung ausleben dürfen und welche eben auch nicht? Wie umfassend darf man in die Selbstbestimmung von Menschen eingreifen, unter dem vorgeblichen Ziel der Fürsorge? 

Wir wissen aus der Geschichte, dass Fürsorge missbräuchlich gehandhabt wurde – zum Beispiel im Dritten Reich, wo im Namen der Volksgesundheit zwangssterilisiert wurde. Aber diese extremen Zeiten sind gottlob vorbei – das Spannungsfeld Selbstbestimmung und Fürsorge indes ist geblieben. Wie schnell wird aus dem "wir wollen helfen" ein "ich werd' Dir schon helfen!"

Im Zuge der Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes mit seinem klar benannten Ziel der Personenzentrierung bekommt das Ringen um das rechte Maß der Selbstbestimmung eine neue, besondere Bedeutung, der wir uns stellen wollen – deshalb wählten wir das Jahresmotto 2021. Dass Sie unsere Anstrengungen hin zu einer menschenwürdigen, auf Selbstbestimmung zielenden Sozialarbeit begleiten und uns mit Rat und Tat und Geld unterstützen, darauf vertraue ich – und dafür danke ich Ihnen!

Mit herzlichen Grüßen

Ihr W.Knorr